Sonntag, 17. Juni 2018

Erinnerungen an den Sommer 2011 in Saraqib, Nordsyrien


Es war unerträglich heiß. Ich wachte morgens in unserem Bauernhof auf, der drei Kilometer vom Stadtzentrum von Saraqib entfernt liegt. Ich schaltete den Fernseher ein. Es lief gerade ein Film. Ich schaute diesen Sender regelmäßig, um mein Englisch zu verbessern. Ich war noch immer in einem Zustand der Benommenheit. In Saraqib war in den letzten Tagen Schlimmes geschehen.

Vor einigen Tagen kam mein Vater morgens zur gleichen Uhrzeit zu mir und sagte, dass die Armee mit Panzern und Soldaten in die Stadt gekommen sei, um eine Inspektion durchzuführen. Er hatte Angst. Er hatte unser ganzes Geld bei sich und versteckte es schließlich irgendwo im Badezimmer. Wir waren uns nicht sicher, ob die Armee auch bis zu den Bauernhöfen kommen würde. Wenige Stunden später hörten wir schwere Gewehrfeuer. Mein Vater war geschockt. Nichts könne solch massive Schusswechsel rechtfertigen. Schon nach wenigen Sekunden klopfte es an der Tür. Ich wagte es hinauszugehen und den Offizier einzuladen uns „zu beehren". Als er hereinkam, sprach ich ihn unterwürfig mit "Mein Herr" an, wie das üblich war. Er fragte mich nach meinem Namen und verlangte meinen Personalausweis. Er wollte wissen, wo mein jüngerer Bruder sei, der sich stark an der Revolution beteiligt hat. Nach dieser Befragung nahmen die Soldaten eines unserer beiden Autos mit, weil es auf den Namen meines jüngsten Bruders registriert war. Sie stahlen bei dieser Gelegenheit auch noch etwas Anderes. Mein Vater und ich verließen danach den Bauernhof. Doch schon wenige Minuten später rief meine Mutter meinen Vater an und bat ihn zurückzukommen. Eine andere Soldatengruppe inspizierte schon wieder unser Haus. Auf dem Weg dorthin wurden wir von einer weiteren Armeeeinheit angehalten. Wir mussten unsere Ausweise herzeigen. Der Name meines Vaters schien auf einer ihrer Liste auf und er wurde sogleich verhaftetet. Es gelang uns einige Tage später seine Freilassung zu erwirken und das beschlagnahmte Auto wiederzuerlangen. Dafür haben wir Bestechungsgelder bezahlt und Beziehungen genutzt. Er kam niedergeschlagen und wütend nach Hause. Seinen Mut konnte man ihm aber nicht nehmen.

Bei dieser ersten von zwei Inspektionen wurde niemand getötet. Die Armee verhaftete viele Intellektuelle wie meinen Vater. Die meisten von ihnen kamen wieder frei, nachdem sie gedemütigt und gefoltert worden waren.

Der Film im Fernsehen lief noch immer. Ich fühlte mich als wäre ich gedopt. Welcher Film ist das eigentlich? Sehe ich gerade einen Film darüber, was vor ein paar Tagen in Saraqib passiert ist? Es schien genau dasselbe Szenario zu sein, aber die Männer waren schwarz und das Land lag offenbar in Afrika. Eine Minderheit, die aus historischen Gründen wütend ist, wurde von einigen ihrer Kriegsfürsten heimlich bewaffnet. Dem steht eine unbewaffnete, verängstige Mehrheit gegenüber. Es finden Durchsuchungen statt, bei denen Soldaten unangemessene Waffengewalt anwenden. Die erhoffte westliche Hilfe kommt nicht oder zu spät. Welcher Film ist das nun? Ich habe den Titel des Films unten am Bildschirm gelesen: "Hotel Ruanda". Ist dasselbe wirklich schon vor 20 Jahren in einem afrikanischen Land passiert? Die Geschichte scheint sich zu wiederholen.


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