Montag, 11. Juni 2018

War das Assad-Regime der Auslöser der syrischen Revolution oder ihr Opfer?

In diesem Kapitel zeige ich detaillierter auf, was ich im Vorwort das "mysteriöse Verhalten des Assad-Regimes" während der syrischen Krise genannt habe. Ich werde 10 Fakten als Beispiele für dieses mehrdeutige Verhalten anführen und diese kurz beschreiben.
Dieses Verhalten wurde von den Massenmedien  als "bloße Dummheit" oder "die erwartete Reaktion eines Diktators, der versucht, seine Macht zu behaupten" erklärt. Dieser Interpretation stimme ich nicht zu.
Dieser Teil handelt von Fakten, nicht von einer Theorie. Ich habe diese Ereignisse miterlebt und - wenn möglich – zusätzlich Referenzen aus verschiedenen vertrauenswürdigen Quellen hinzugefügt. Ich würde es begrüßen, wenn der Leser diese Fakten auch mit anderen für ihn vertrauenswürdigen Quellen überprüfen würde.
Meine Theorie zur Erklärung des Verhaltens von Assad wird in späteren Kapiteln erörtert. Der Leser kann sich natürlich darüber seine eigene Meinung bilden. Meine Meinung werde ich jedoch mit verschiedenen externen Quellen untermauern.




Während Tausende ausländischer Kämpfer nach Syrien strömten, arbeitete die Armee des syrischen Regimes mit voller Kraft daran, syrische Städte nacheinander zu zerstöre.[1]Das änderte sich nicht, als die russischen Luftstreitkräfte einen Teil der Zerstörungsoperation übernommen hatten[2]. Die Kämpfer überquerten täglich die syrischen Grenzen, bewaffnet mit Tonnen von Waffen und Fahrzeugen. Sie kamen hauptsächlich von den türkischen Grenzen und teilweise von Jordanien, Libanon und Irak. In fast keinem Fall wurden die Konvois der Kämpfer angegriffen. Sie bewegten sich klar und ohne Heraus­forderung. Weder die Luftwaffe des syrischen Regimes noch die der Russen versuchten, sie aufzuhalten.

Weiter und kurz nachdem die Rebellion begann, befreite das Regime Tausende von inhaftierten Radikalen, die im berühmten Gefängnis Sednaya[3] eingesperrt waren. Sydnaya und davor Palmira sind die syrischen Ausgaben des berühmten irakischen Gefängnisses Abu Ghoraib. Sie werden als "Labora­torien zur Herstellung von Terroristen" bezeichnet.
General Khaled Al Mutlak, ein zur Opposition übergelaufener Offizier syrischer Offizier, schrieb in seinem informativen Artikel:
"Das Sednaya-Gefängnis war und ist immer noch eine Arbeit für die Geheimdienste des syrischen Regimes. Es produziert Persönlichkeiten, die gegen das Regime sind, die dem Terrorismus verdächtigt werden und nach ihrer Freilassung die Haupt­instrumente zur Erreichung der Ziele des Assad-Regimes wurden. [...] Sie nahmen die Führungs­positionen der Fraktionen ein, die als Islamisten bezeichnet wurden, mit voller Unterstützung der arabischen und internationalen Geheimdienste. "[4]
General Mutlak nannte einige Beispiele für diese Figuren:

• Abu Lokman, einer der Gründer der Al-Nusra-Front in Syrien, der auch als IS-Führer (Emir) in Al Raqqa [Nord­syrien und die Hauptstadt des IS in Syrien] tätig war.
• Mahmoud Al Kholaif, der Sicherheitsoffizier in ISIS
• Haj Fadel Al Agha, der Beziehungsbeauftragte
• Abu Abdul Rahman Al Hamwi, Führer von Al Nusra in Hama
• Abu Naser Darwasha, der Cousin von Abu Mohammad Al Jawlani, dem Anführer von HTS (Hay'at Tahrir Al Sham, zuvor Al Nusra Front)
• Abu Hafs Al Keswani, der Islamistenführer in Daraa
und andere.

"Der Grund, warum das Regime sie zu Beginn der syrischen Revolution freigelassen hat, war, die Militarisierung des Aufstandes zu vollenden", sagte Naser, der Ende 2012 übergelaufen ist. "Und krimi­nelle Handlungen anzuregen, damit die Revolution den Eindruck eines Kriminalfalls vermitteln wird, dass das Regime gegen Terroristen kämpft [...]“ John Kerry, der scheidende Außenminister [von USA] , sagte im November 2015, ISIS sei "von Assad" geschaffen worden […]. Assads Ziel war es, der Welt zu sagen: "Ich oder die Terro­risten." [5]

Die meisten Analysten, oppositionellen Denker und Autoren stimmen dieser Analyse zu.

Mein Einwand gegen diese einfache Erklärung lautet: Das Assad-Regime hat dieses Ziel innerhalb der ersten zwei Jahre erreicht. An dieser Stelle steht ein großes Fragezeichen. Bis zum Jahr 2013 besetzte der IS weite Teile Syriens und des Irak, belegte mit diesen Aktionen in den Medien und auf den ersten Seiten internationaler Zeitungen viel Platz. Die Syrer hatten genug von den Islamisten und ausländischen Fraktionen. Das Assad-Regime hatte die Berechtigung, die bewaffnete Rebellion zu beenden und seine Kontrolle über Syrien wiederherzustellen. Wie ich in den folgenden Punkten erklären werde, hat das Assad-Regime genau das Gegenteil getan.







1.   

Das Regime hat die bewaffneten Bewegungen klar und systematisch unterstützt und dabei friedliche Aktivitäten brutal unterdrückt:

1.      Zu Beginn der Rebellion erhielten die Rebellen die meisten ihrer Waffen scheinbar vom syrischen Regime. Die Offiziere des Assad-Regimes verkauf­ten den Rebel­len alles, was sie brauchten. Dies erschien zunächst als bloße Korruption. Jeder, der über grundlegende Kenntnisse in syrischen Angelegen­heiten verfügt, weiß jedoch, dass dies ohne grünes Licht des zentralen Kommandos der Geheimdienste des Assad-Regimes nicht möglich ist. Das Risiko ist sehr hoch und die Entdeckung solcher Geschäfte ist fast sicher. Kein vernünftiger Offizier würde so viel für ein paar tausend Dollar riskieren. Das könnte für den Offizier, seine Familie und sogar seinen Clan eine Ewigkeit in der Hölle bedeuten. Nach dem Massaker von Hama 1982 hätte kein Syrer den Mut gehabt, jemandem, der gegen das Regime kämpfte, eine Zigarette zu verkaufen. Selbst wenn man nur mit einer verdächtigen Person sprach, war das ein Verbrechen, geschweige denn Waffen zu verkaufen. Wenn solche Geschäfte regelmäßig unter ähnlichen Bedingungen im ganzen Land stattfinden, kann das nicht zufällig geschehen. Dies ist ein systematischer Prozess mit voller Zustimmung des hohen zentralen Kommandos der Geheimdienste des Assad-Regimes. Die meisten dieser Offiziere, die solche Geschäfte tätigten, zogen in Gebiete, die vom Regime kontrolliert werden, wo sie viele Jahre leben würden. Keiner von ihnen wurde für diese Geschäfte untersucht oder bestraft.


[3] Gleiche Quelle wie oben:
http://www.spiegel.de/international/world/former-prisoners-fight-in-syrian-insurgency-a-927158.html: “Im März 2011 zu Beginn der Aufstände ließ Baschar al-Assad erneut viele Dschihadisten aus den Gefängnissen frei. Gleichzeitig wurden seitdem Zehntausende von syrischen Studenten, liberalen Aktivisten und Menschenrechtlern verhaftet. Erst kürzlich dokumentierte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch einige Schicksale“, was die Annahme nahelegt, das viele willkürlich festgenommen, gefoltert und unfairen Gerichtsprozessen unterzogen wurden.
Ebenso: http://s.telegraph.co.uk/graphics/projects/isis-jihad-syria-assad-islamic/ : Sednaja Gefängnis, nordöstlich von Damaskus, Syrien. Tausende politische Häftlinge wurden hier durch das Regime des Präsidenten Assad festgehalten, es ist zahlreich bezeugt, dass Präsident Bashar al-Assad sich während seiner Herrschaft sehr ambivalent den Dschihadisten gegenüber zeigte. Er ermunterte sie, in den Irak zu gehen, um Zarqawis Al-Qaida-Ableger beizutreten, dem Vorgänger von Isil, und nach 2003 Amerika zu bekämpfen, verhaftete aber dennoch viele bei ihrer Rückkehr nach Hause, sofern sie ihm als ähnliche Bedrohung für seine eigene Herrschaft erschienen. Als der Aufstand in Syrien im Frühjahr 2011 begann, ließ er hunderte von ihnen im Rahmen einer Begnadigung frei. Die Begnadigung, vermeintlich für politische Häftlinge, wurde zu der Zeit als Betrug oder auch zu wenig zu spät angeprangert. Tatsächlich war diese aber einer der wichtigsten politischen Entscheidungen, die Assad traf. Die freigelassenen Häftlinge waren hauptsächlich Islamisten, die sich danach einer Reihe von bewaffneten Gruppen anschlossen oder diese gründeten, während säkuläre und friedliche Demonstranten und Aktivisten weiterhin inhaftiert und ermordet wurden.  (The telegraph 11. Mai 2016).

[4] https://www.syria.tv/content/مختبرات-ترويض-الإرهاب . Mutlak meint, dass "die Geschichte der Herstellung und Vorbereitung dieser Personen unter anderem 2005 begann. Die syrischen Geheimdienste haben ein praktisches Trainingsprogramm zur Vorbereitung von dschiha­dis­ti­schen Islamisten und Zivilisten durchgeführt, die als Teil einer größeren Prüfung des internen Konflikts qualifiziert wurden. Der Ort dieses Tests war das Sydnaya-Gefängnis, wo das Gefängnis nach der ersten Rebellion (27. März 2009), dann die zweite (5. Juni 2008) schrittweise an die islamistischen Gefangenen übergeben wurde".

[5] “Assad Henchman: Here’s How We Built ISIS” a two-year investi­gation by The Daily Beast shows.








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Wie das türkische Regime die syrische Krise erschuf











The Iraqi Bishop Athanasius Thomas Dawood explains how the Iraqi army left its arsenal to ISIS fighters, as if there was a secret agrrement between them both:


https://www.youtube.com/watch?v=fneJgKBZpOs

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